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Mittwoch, den 23. November 2011 um 09:38 Uhr

DIW Studie zur Riester Rente und Diskussionsrunde bei Anne Will

Derzeit geistert mal wieder eine mehrfach abgeschriebene Pressemeldung zur Riester Rente durch die Medien. Dabei geht es diesmal um eine Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zur Riester Rente.

Das beim ganzen Abschreiben in der Regel Hirn und Verstand auf der Strecke bleiben, das wissen wir ja schon. Man braucht sich nur mal an den angeblichen Milliardenfehler / Vorzeichenfehler bei der HRE erinnern, ein Musterstück journalistischer Inkompentenz. Mit einem Grundkurs in Buchhaltung als fachlichem Background wären 99 % der Artikel vermutlich nie erschienen.

Nun ist es diesmal wieder die Riester Rente: "Die Riester Rente lohnt sich nicht ...", "Rentenbetrug ..." und ähnliches wird getitelt. Dabei wissen wir doch, wirklich grandios reißerische Titel produziert nur Bild und RTL.

Um was geht es in der DIW Studie zur Riester Rente

Man höre und staune, die DIW hat doch tatsächlich erkannt, dass die Riester Rente eine Langlebigkeitsversicherung ist. Und um diese bahnbrechende Erkenntnis zu beweisen, hat man einen besonders komplexen Modellfall konstruiert.

Kornelia Hagen vom DIW: "Als Modellfall haben wir eine Frau mit zwei Kindern gewählt. Sie hat ein Jahreseinkommen von etwa 30000 Euro und mit 35 Jahren 2001 einen Riester-Vertrag abgeschlossen. Sie zahlt also 32 Jahre ein, um im Alter von 67 Jahren die Riester-Rente zu bekommen.

Sie müßte 78 Jahre und ein paar Monate alt werden, um das Geld herauszubekommen, was sie einbezahlt und zusätzlich an staatlichen Zulagen erhalten hat. Vorausgesetzt haben wir dabei, daß sie die Garantieleistung erhält und keine Überschüsse.

Sollten allerdings die Assekuranzen, mit denen sie diese private Rentenversicherung abgeschlossen hat, in die Krise geraten und nur noch die über den Garantiezins gesicherten Mindestzahlungen leisten, müßte die Frau sogar mindestens 109 Jahre alt werden." Quelle: http://www.jungewelt.de/2011/11-23/040.php

Moment mal. Wenn die Frau nur die Garantieleistung bekommt, müsste sie 78 Jahre alt werden. Wenn die Frau nur die über den Garantiezins gesicherte Mindestzahlung bekommt, wären es 109 Jahre? Glückwunsch, Sie haben zunächst zweimal exakt das gleiche Beispiel herangezogen und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, sowas kennt man doch eher aus der Astrologie, denn aus der einfachen Mathematik ... oder?

In der Studie selbst geht es allerdings um einen Inflationsausgleich und Verzinsung (dann die 109 Jahre), genaueres findet sich hier auf Seite 11. Am Ende bleiben aber eben solche Interviews und deren Inhalt für den verängstigten Verbraucher (stille Post Prinzip).

Der Spaß geht aber noch weiter: "Aber wenn der Kapitalmarkt sich ungünstig entwickelt und es quasi keine Überschüsse mehr gibt, und wenn der Garantiezins von derzeit 2,25 Prozent noch weiter sinkt, sieht es so bitter aus, daß nur der, der weit über 100 Jahre alt wird, etwas vom »Riestern« hat. Doch selbst 78 Jahre ist dafür ein zu hohes Alter! ...

Je früher Menschen sterben, desto größer sind die Gewinne derer, die mit ihnen Verträge abgeschlossen haben! Weil die Rendite für die Rentner schlecht ist, ist das Geschäft für Versicherungen und Banken gut."

Nun ist aber mal gut! Fangen wir mit den Begrifflichkeiten an.

Im weiteren Verlauf des Interviews kritisiert die gute Frau dann noch, dass es bei Einführung der Riester Rente keine wissenschaftliche Beratung gegeben hätte, so wie bei anderen großen Reformen. Naja, wenn das was Sie da erzählen - geschätzte Frau Hagen - Ergebnis einer wissenschaftlichen Beratung gewesen wäre, war der Verzicht darauf vielleicht gar nicht so schlecht.

Erstmal müssten wir die Frau Hagen darauf hinweisen, dass es keinen Garantiezins gibt, nur einen Höchstrechnungszins. Der hat wiederum mit der Realität in Bezug auf die Anlageerfolge der Versicherer sehr wenig zu tun. Der Höchstrechnungszins spiegelt nur das Zinsniveau deutscher Staatsanleihen wieder. Versicherer können aber in sehr viele unterschiedliche Assets investieren, beispielsweise internationale Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Aktien oder auch Immobilien und vieles mehr.

Es verwundert daher nicht weiter, dass der tatsächliche Anlageerfolg der Lebensversicherer in der Vergangenheit (selbst als Durchschnitt betrachtet) immer oberhalb des umgangssprachlichen Garantiezins lag.

Eine schöne und leicht verständliche Grafik der FAZ gibt dazu beispielsweise Aufschluss. Es ist zwar schön, dass die DIW mit diversen Zahlenkolonnen mal ein mögliches Szenario gerechnet hat, doch schon Churchill sagte frei nachformuliert: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Mit den Annahmen der DIW macht das Produkt Riester Rentenversicherung natürlich keinen guten Eindruck, es ist aber leider eine realitätsfremde, sehr selektive Darstellung des gesamten Konzepts Riester Rente.

Renditen und Bewertung der Lebensversicher - Quelle: FAZ

Quelle und geistiges Eigentum von: http://www.faz.net/aktuell/finanzen/fonds-mehr/versicherungen-augen-auf-beim-kauf-11037458.html

Warum das gewählte Beispiel wenig sinnvoll ist

Nachdem wir uns nun über Begrifflichkeiten und den Sinn der DIW Annahmen geeinigt haben, sollten wir ein paar Worte zu dem grandiosen Beispiel verlieren. Um die Aussagekraft des von Frau Hagen im Interview dargestellten Beispiels in Bezug zu setzen, müssten wir zunächst einmal andere Versicherungsprodukte mit gleichem Ziel betrachten.

So ist beispielsweise die private Rentenversicherung, welche Frau Hagen im Interview selbst ins Spiel brachte, zum jetzigen Stand noch kein UniSex Tarif. D.h. die Lebenserwartung von Frauen liegt dort rechnerisch viel höher, als das bei der Riester Rente (UniSex seit 2006) der Fall ist. Das im Interview zur Studie eine Frau mit Abschluss 2001 (damals war Riester noch nicht UniSex) als Modell genommen wurde, ist also auch in dieser Hinsicht problematisch. Denn den Vebraucher dürfte doch viel mehr interessieren, wie es heute um die Riester Rente steht.

Sinnvollerweise hätte man als Beispiel also einen Mann genommen, denn Männer sind durch UniSex Tarife wie Riester und in Bezug auf die Lebenserwartung stärker benachteiligt als Frauen. Aber vielleicht denkt Frau Hagen bereits in grauer Zukunft. Ende des Jahres sollen UniSex Tarife ja für alle Versicherungen kommen, mal wieder ein unnötiges und gänzlich sinnfreies Präsent der Bürokratenmonster aus Brüssel.

Vielleicht hätten man mit einem einzigen Satz erwähnen können, dass das Geld im Sparstrumpf (... ihr Vergleich ...) irgendwann einfach "alle" ist. Beispielsweise mit 78 im Modellfall. Danach ist - wie sagt man so schön - "Essig, Pumpe, leer, nada, nothing". Riester Rente und ähnliche Produkte zahlen hingegen auch bis zu ihrem 100. oder 110. Geburtstag. Unabhängig davon ob Sie so alt werden möchten, genau das (Langlebigkeit) ist das Risiko, welches durch solche Produkte gedeckt werden soll.

Kleiner Hinweis zum Begriff Riester Rente

Wenn Frau Hagen das nächste Mal mit entsprechenden Begrifflichkeiten die Öffentlichkeit erfreut, wäre evtl. ein Hinweis auf die verschiedenen Riester Varianten interessant. An dieser Stelle sei für alle Fälle vermerkt: Es gibt mehr als nur die klassische Riester Rentenversicherung, diese ist aber wiederum das einzige Produkt mit "garantierter Verzinsung".

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein so renomierter Kopf wie Herr Axel Kleinlein, Versicherungsmathematiker und Chef des Bundes der Versicherten so etwas nicht wissen sollte. Gegenüber Biallo.de wurde Kleinlein allerdings zitiert, dass UniSexTarife (Kontext Riester) ab 2012 kommen sollen - das ist in Bezug auf die Riester Rente natürlich Schwachsinn, dort gibt es diese schon seit Jahren. Aber wer weiss schon, ob Herr Kleinlein das gegenüber biallo.de wirklich so formuliert hat.

Warum wird also wieder ein einzelnes Produkt (Riester Rentenversicherung) ausgewählt um eine scheinbar gewollte Aussage zum einem gesamten Konzept (Riester Rente) zu treffen? Ist Ihnen die Glaubwürdigkeit solcher Studien gänzlich egal?

Diskussionsrunde bei Anne Will am 23.11.2011

Heute, am 23.11. um 22:45 Uhr findet auf ARD eine Diskussionsrunde zum Thema "Versichern, verkaufen, verschaukeln ..." statt. Moderatorin Anne Will hat die Gäste Hermann-Josef Tenhagen (Finanztest), Kornelia Hagen (siehe oben), Axel Lange (Generali Agentur), Ira Gloe-Semler ( ver.di), Ralf Berndt (Stuttgarter Lebensversicherung) und Walter Benda (Versicherungsmakler) eingeladen.

Wünschenswert wäre mal wenigstens ein Vertreter einer empfehlenswerten Versicherung gewesen, warum läd man nicht mal jemanden von beispielsweise der Debeka ein? Was bei Produkten der Stuttgarter oder der Generali herauskommen dürfte, naja lassen wir das.

Die Sendung werde ich mir anschauen, befürchte nur, dass es wenig konstruktives geben dürfte.

Quellen:

http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.389130.de/11-47.pdf

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/fonds-mehr/versicherungen-augen-auf-beim-kauf-11037458.html

Interview auf http://www.jungewelt.de/2011/11-23/040.php

http://daserste.ndr.de/annewill/index.html

http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,798842,00.html

 

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